Interview 15.06.2020, 00:00 Uhr

„Finde deine Karriere-Welt“

Das A und O für ein erfülltes Berufsleben ist der zu einem selbst passende Job. Yasmine Limberger will dabei helfen, ihn zu finden.
(Quelle: Yasmine Limberger )
Gärtnerin wäre für sie nach eigener Aussage der falsche Beruf gewesen: Yasmine kümmert sich lieber um die verborgenen Berufswunsch-Samen der Menschen, die sich von ihr beraten lassen. Als Betriebswirtin und ehemalige Recruiterin weiß sie zudem genau, auf was Firmen bei einer Einstellung achten. In ihrem Talk auf der Developer Week gibt sie Einblicke in schiefgelaufene Bewerbungen und Tipps, wie man es richtig macht.
Yasmine Limberger
Yasmine ist Diplom-Betriebswirtin und war viele Jahre in der IT-Beratung verantwortlich für unterschiedliche Themen im Personalumfeld. Heute arbeitet sie an der Technischen Hochschule Ingolstadt im Bereich Recruiting und Personalentwicklung und ist nebenbei als Coach, Autorin und Sprecherin aktiv. Yasmine Limberger ist erreichbar über Xing. Mehr Infos über Yasmine Limberger auch unter: www.karriere-welten.de
Wie kamst du als Diplom-Betriebswirtin zum Beruf der Berufs- und Karriereberaterin?
Yasmine Limberger: Nach meinem Studium bin ich im Recruiting bei einem internationalen Beratungsunternehmen eingestiegen. Ich habe Tausende von Einstellungsgesprächen geführt und dabei sehr schnell festgestellt, wer wirklich für seinen Beruf brennt. Über die Jahre habe ich Fragetechniken entwickelt und die Gesprächsführung so aufgebaut, dass mir die Bewerber*innen sehr viel Persönliches erzählt haben, aus dem ich mehr heraushören konnte als nur die Informationen, ob die Person grundsätzlich zu den Stellenanforderungen passt. Aus diesen Erfahrungen habe ich meine Leidenschaft entwickelt, anderen Menschen dabei zu helfen, den Beruf zu finden, der wirklich zu den individuellen Werten, Bedürfnissen und Interessen passt. Ich habe heute noch Kontakt zu einigen ehemaligen Bewerbern, die sagen: „Wenn du nicht gewesen wärst, dann hätte ich nie den Job gewechselt.“
Ich bin dem Personalumfeld treu geblieben, da ich gerne mit Menschen arbeite, und ich habe mich nebenbei zum Karrierecoach weiterqualifiziert und mein eigenes kleines Business aufgebaut.
Was empfiehlst du jemandem, der unzufrieden mit seinem Job ist?
Limberger: Man sollte sich immer mal wieder die Frage stellen: „Ist mein momentaner Job das, was ich will? Oder dient er nur der Sicherung meiner Existenz?“ Wenn man merkt, dass man nicht (mehr) motiviert ist, dann sollte man sich dringend Zeit dafür nehmen, mal aufzuschreiben, was man eigentlich will, wo man seine Schwerpunkte setzen will, was einen antreibt. Natürlich ist man nicht jeden Tag 100 Prozent happy mit dem eigenen Job. Es kommen Konflikte dazu, Unstimmigkeiten mit dem Vorgesetzten, mit Kolleg*innen oder mit Geschäftspartnern. Hier muss man abwägen, ob man den Konflikt allein lösen kann und will oder ob es an der Zeit ist, neue Wege zu gehen. Oftmals hilft es, sich mit der eigenen Unzufriedenheit einer neutralen Person anzuvertrauen. Das kann ein Freund oder jemand aus der Familie sein, der einen gut kennt und auf dessen Rat man vertraut. Das kann aber auch jemand aus dem Personalbereich oder vom Betriebsrat sein oder eben auch ein Karrierecoach, mit dem man sein individuelles Karriereprofil erstellt und neben Interessen und Bedürfnissen vor allem auch neue Ziele definiert.
Was rätst du jemandem, der heute eine Abschlussklasse in der Schule besucht?
Limberger: Es gibt laut dem Statista Research Department allein 326 anerkannte Ausbildungsberufe und über 20 000 verschiedene Studiengänge. Wer soll da noch durchblicken, was am besten zu einem passt? Viele junge Menschen sind erwartungsgemäß von den Berufen inspiriert, die sie von den Eltern, von Freunden oder aus der Öffentlichkeit kennen. Dabei gibt es noch unzählige andere Optionen, die viel besser zu ihrer Persönlichkeit passen würden.
Daher ist es wichtig, sich schon in der Schulzeit mit verschiedenen Berufsbildern zu beschäftigen, ein Praktikum zu machen und Kontakte zu knüpfen. Wer noch gar keine Richtung weiß, in die es mal gehen soll, der sollte sich an einen Karriereberater wenden. Hier ist zu unterscheiden, dass die staatlichen Stellen der Berufsberatung dabei (aus nachvollziehbaren Gründen) vor allem den aktuellen Arbeitsmarkt im Blick haben. Die Berufe, die gerade gebraucht werden, stehen in der Beratung dabei häufig im Vordergrund.
Letztlich kommt es aber bei der Berufswahl vor allem da­rauf an, ob die Aufgabe zur eigenen Persönlichkeit und den eigenen Interessen und Werten passt. Wer jahrelang einem Beruf nachgeht, in dem er/sie sich täglich unwohl fühlt, der wird seine Unzufriedenheit schnell auch in seinen persönlichen Alltag tragen. Daher sollte man in die Karriereplanung durchaus Zeit und gegebenenfalls auch Geld investieren.
Die Zahl an Frauen in der IT ist immer noch lausig gering. Wie kann diese Zahl ansteigen?
Limberger: Glücklicherweise gibt es immer mehr Frauen in der IT, aber in der Tat noch viel zu wenige. Ich sehe das immer aus zwei Perspektiven. Zum einen finde ich, dass man IT heute schon im Kindesalter spielerisch erlernen kann. Nur: Die Jungs drängen sich gerne in den Vordergrund und die Mädchen schauen erstmal nur zu. Die Aufgabe der Lehrkräfte ist es, allen eine Aufgabe zu geben. Zum anderen sollte man auch die biologischen Unterschiede nicht ignorieren. Mädchen fühlen sich oft durch Emotionen angesprochen, während Jungs gerne ihre Kräfte im Wettbewerb messen. Bei der Themenwahl der IT-Angebote sollte daher für jeden was dabei sein. Wenn Frauen sich eher für die Designebene der IT interessieren oder Themen wie Gesundheit- und Life­science spannend finden, dann sollten Unternehmen hier die Möglichkeiten sowie Wirkungsweisen von IT vorstellen.
Du warst Recruiterin und Recruiting Lead bei verschiedenen Firmen. Auf was achten Firmen bei Bewerbungen am meisten?
Limberger: Das hat sich über die Jahre verändert. Heute sind One-Click-Bewerbungen über das Smartphone möglich, und der Bewerbungsprozess wurde immer mehr automatisiert. Das ist zwar für beide Seiten komfortabel, allerdings rutscht man auch schnell durchs Raster, wenn wichtige Keywords fehlen. Unternehmen achten zunächst darauf, ob der/die Bewerber*in die erforderlichen Kriterien erfüllt. Daher muss auch heute noch jede Bewerbung individuell auf die Stellenausschreibung zugeschnitten sein. Dabei müssen nicht alle Anforderungen zu 100 Prozent erfüllt werden. Aber zumindest sollten die Basics wie Qualifikation sowie (erste) relevante Technologieerfahrungen auf den ersten Blick aus der Bewerbung hervorgehen. Überzeugen können aber auch Bewerber*innen, die einem verdeutlichen, wie lernfähig und flexibel sie sind. Mir fallen auch immer Bewerbungen auf, die irgendwie aus der Masse herausstechen.
Bist du mit deiner Work-Life-Balance zufrieden?
Limberger: Ich arbeite als Referentin an einer Hochschule und setze mich dort auch als Gleichstellungsbeauftragte unter anderem für familiengerechte Bedingungen ein. Nebenbei bin ich mit meiner eigenen Beratung noch als Coach, Autorin und Speaker im Einsatz. Das macht mir sehr viel Spaß und ist eine Bereicherung. Hauptamtlich bin ich jedoch Mutter. Als Ausgleich mache ich Sport und bin, so oft es geht, in der Natur unterwegs, zum Radeln, Spazieren oder Wandern. Im Großen und Ganzen passt es also mit der Work-Life-Balance.
Ein böser Mensch könnte vermuten, dass du dich so um die Berufsberatung anderer kümmerst, weil deine Berufswahl schiefgelaufen ist und du lieber Gärtnerin geworden wärest.
Limberger: Haha, Gärtnerin wäre wohl komplett an meinen Talenten vorbei. Ich habe aber in der Tat schlechte Erfahrungen mit der Berufsberatung gemacht. Da konnte man vor dem Abi einen Test ausfüllen und einen Termin mit einem Berater vom Arbeitsamt vereinbaren. Als ich dem Berater davon von meinem Interesse erzählte, Goldschmiedin zu werden, meinte er, dass man da nur Ketten im Kaufhaus zusammenlötet.
Und anstatt zu studieren, sollte ich lieber eine Ausbildung machen. Er fragte mich, was meine Familienmitglieder gelernt haben. Alle hatten eine kaufmännische Ausbildung. Also empfahl er mir, dies besser auch zu tun. Ich war zunächst enttäuscht, bin aber seinem Rat gefolgt, was letztlich auch kein Fehler war. Ich merkte aber, dass das noch nicht alles sein konnte. Also habe ich einige Jahre in meinem kaufmännischen Beruf gearbeitet und dann noch studiert. Während des BWL-Studiums habe ich nebenbei bei Sat1 gearbeitet. Am interessantesten aber fand ich die Themen Personalauswahl und Personalmarketing. Also habe ich mich nach meinem Studium ins Recruiting begeben und konnte neue Facetten kennenlernen. Mein Credo: Finde deine Karriere-Welt!
Wie würdest du die derzeitige Jobsituation für Software­entwickler*innen einschätzen?
Limberger: Ein Gewinner der Corona-Krise ist in jedem Fall die IT-Branche: Spätestens jetzt ist allen bewusst geworden, dass wir die IT in unserem Alltag brauchen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Somit werden Softwareentwickler*innen und IT-Expert*innen jetzt noch mehr gefragt sein. Es ist vielleicht nicht die Zeit, nach dicken Gehaltserhöhungen zu fragen, aber Karrierechancen und Jobs wird es für Software­entwickler*innen in allen Branchen geben.
Dein Talk auf der Developer Week 2020 trägt den Titel „Die lustigsten IT-Bewerbungen und wie man es richtig macht“. Was erwartet den Zuhörer?
Limberger: Das wird ein unterhaltsamer Vortrag mit Einblicken in meine wundersame Welt als Recruiterin. Ich habe über viele Jahre echte IT-Bewerbungen gesammelt (natürlich anonym) und in dieser Präsentation verarbeitet. Es wäre zu schade gewesen, meine Erlebnisse anderen vorzuenthalten. Ohne, dass ich mich über die Bewerber*innen lustig mache, möchte ich zeigen, wie wichtig es ist, sich mit seiner Bewerbung wirklich Mühe zu geben und sich in sein Gegenüber zu versetzen. Natürlich gibt es auch Praxistipps, wie man es richtig macht und wie man auch professionell aus der Masse der Bewerbungen hervorstechen kann.
Und zum Schluss sag uns bitte noch, was dir spontan zu den folgenden Begriffen einfällt:
Couchpotato: Passt gut zur Corona-Krise. Jetzt wollen aber doch hoffentlich alle wieder raus.
Teach to learn: Eine wichtige Voraussetzung, um sich immer weiter zu entwickeln.
Karriere: Ist wichtig, aber auch nicht alles im Leben.
Engagement: Macht zufriedener als die Karriere.
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