Editorial 17.04.2023, 00:00 Uhr

Zaubersprüche

Ihr Gehalt war exorbitant. Rolex, Ferrari, Sechs-Sterne-Luxus-Spa-Resort-Hotel? Portokasse. Einfach nur Portokasse.
(Quelle: dotnetpro)
Dafür waren ihre Arbeitszeiten nicht von Pappe. Wenn sie für ein Projekt verpflichtet wurde, arbeitete sie schon mal 120 Stunden durch. Nur unterbrochen von kurzen, halbstündigen Nickerchen. Manchmal fühlte sie sich an die Seglerinnen und Segler erinnert, die bei der Regatta Vendée Globe alleine in ihren Nussschalen einmal um die Welt segelten. Während diese aber mit Wind und Wellen kämpften, waren es bei ihr Domänen und Anforderungen.
Diese aber hatten es in sich. Übernahm sie einen Auftrag, versank sie in dem gegebenen Problem mit Haut und Haar, betrachtete es von allen Seiten, zoomte hinein, saugte es in sich auf, assimilierte, verschmolz – nur um dann mit nur einem Federstrich den passenden Zauberspruch, wie sie es nannte, zu formulieren. Dieser konnte mit über 20 DIN-A4-Seiten durchaus lang sein.
Es kam eben auf die Feinheiten an, und diese mussten sauber formuliert werden, sonst war die Wirkung des Zauberspruchs ungenau, der Kunde unzufrieden und sie ihr Geld nicht wert.

„Ich verwandle Menschen in Frösche, wenn ich
nicht aufpasse“, witzelte sie gern.

Doch hatte sie dann am Rande der Erschöpfung den Spruch gefunden, konnte sie sich genüsslich zurücklehnen. Denn den Rest machte die Maschine: Der Computer materialisierte ihren Zauber in Form von Code für eine Anwendung, deren Domäne, Anforderungen und Architektur sie bis in die feinsten Details über den Zauberspruch formuliert hatte. In dieser Formulierung war sie die Beste. Keiner konnte das so präzise wie sie.
Die Kunden waren mit dem Ergebnis durchgehend hundertprozentig zufrieden. Sie sparte ihnen viel Geld und Zeit: Statt ein komplettes Entwicklerteam zu bezahlen, das in endlosen Sprints die Software asymptotisch dem gewünschten Endzustand entgegentrieb, benötigte sie nur die Lernzeit, das Embracing des Problems. Das Schreiben der Zaubersprüche für die KI war dann nur eine Fingerübung.
Nur bei den letzten beiden Projekten war etwas anders gewesen. Das Resultat entsprach nicht mehr ganz dem Gewünschten. Die Kunden äußerten sich immer noch zufrieden, doch sah sie ihren Gesichtern an, dass etwas nicht völlig passte. Dachte sie vielleicht zu viel an den süßen Kfz-Mechaniker, in den sie frisch verliebt war? Oder hatte man etwas an der Maschine verändert?
Viel Spaß mit der dotnetpro
Tilman Börner
Chefredakteur dotnetpro
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